Starkes Übergewicht

Adipositas ist keine Essstörung, sondern eine Krankheit

Über Dicke wird sich oftmals lustig gemacht. Da heißt es schnell, die essen zu viel, bewegen sich nicht, und im schlimmsten Fall wird ihnen noch Faulheit unterstellt. Betroffene werden aus Unwissenheit oder Gemeinheit als faul oder willensschwach beschimpft.

Viele erlebten Hänseleien bis hin zu Mobbing von klein auf. Menschen mit Adipositas sind halt Genießer, heißt es auch oft. Auch der Hausarzt ist nicht immer hilfreich. Die meisten sagen ihren Patienten, essen Sie weniger und bewegen Sie sich mehr.

Auch seelische Probleme können Folgen des Übergewichts sein. Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, ist bei Menschen mit Adipositas deutlich erhöht. „Die Betroffenen werden ausgegrenzt, fühlen sich herabgewürdigt, haben geringere Chancen, Partner, Freunde oder einen Job zu finden.“

Es ist eine Krankheit, keine Fresssucht

Doch starkes Übergewicht ist kein Wohlstands-Phänomen, sondern eine Krankheit, unter der Betroffene extrem leiden. „Schon vor der Corona-Pandemie war Adipositas eine Volkskrankheit, nun dürften mehr Menschen betroffen sein als je zuvor – darauf weisen erste Daten hin“, warnt Jens Aberle, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG).

Nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) waren bereits vor Pandemiebeginn bundesweit rund 16 Millionen Erwachsene und etwa 800.000 Kinder und Jugendliche von Adipositas betroffen. Alarmierende Zahlen veröffentlichte Anfang Mai 2022 auch die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem Europäischen Fettleibigkeitsbericht 2022, demzufolge mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Europa übergewichtig oder adipös sind. 59 Prozent der Erwachsenen in der europäischen WHO-Region lebten demnach mit Übergewicht oder Fettleibigkeit.

Auch Kinder sind betroffen

Der Anteil bei den Männern sei höher (63 Prozent) als bei den Frauen (54 Prozent), teilte die WHO Europa in ihrem vorgestellten Europäischen Adipositasbericht 2022 mit. 59 Prozent der Erwachsenen in der europäischen WHO-Region lebten demnach mit Übergewicht oder Fettleibigkeit. In der europäischen Region ist fast jedes dritte Kind (29 Prozent der Jungen und 27 Prozent der Mädchen) übergewichtig oder adipös. Die Verbreitung unter Erwachsenen sei nur auf den amerikanischen Kontinenten noch höher.

Das Fazit: Fast zwei von drei Erwachsenen in Europa sind zu dick. Laut WHO sterben jedes Jahr rund fünf Millionen Menschen an den Folgen. Auch bei Kindern ist die Entwicklung dramatisch. Übergewicht und Adipositas zählten generell zu den Hauptursachen für Behinderungen und Tod in der WHO-Region Europa, hieß es in dem Bericht.

Im Jahre 2000 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Adipositas als Krankheit. Bereits 2003 sprach das Bundessozialgericht vom Vorliegen einer Krankheit und das Europäische Parlament hat in einer Resolution von 2006 die Mitgliedsstaaten aufgefordert, Adipositas als Krankheit anzuerkennen.

14 Jahre musste man warten

Darauf mussten die Betroffenen aber noch 14 Jahre warten. Im Juli 2020 hat der Deutsche Bundestag Adipositas als eigenständige Krankheit anerkannt. Diese Anerkennung stellt einen bedeutenden Meilenstein für die Betroffenen dar und macht Hoffnung, dass sich die Versorgung in Deutschland nachhaltig verbessert.

Eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts wird als Adipositas definiert. Dabei wird vor allem der Körpermassenindex für die Berechnung herangezogen.

Von Adipositas spricht man, wenn der Fettanteil im Körper übermäßig hoch ist. Dieser wird anhand des Body-Mass-Index ermittelt, kurz BMI. Um diesen festzustellen, wird das Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße errechnet.

Der BMI eines Normalgewichtigen liegt zwischen 18,5 und 24,9. Ab einem BMI von 25 gelten Menschen als übergewichtig und ab einem BMI von 30 als adipös. Was ist Adipositas Grad 3? Ab einem BMI von 30 liegt eine Adipositas Grad I vor, Adipositas Grad 2 beginnt bei einem BMI von 35. Der dritte Adipositas-Grad von 40 ist auch bekannt als Adipositas permagna. 

Kürzere Lebenserwartung

Starkes Übergewicht (Adipositas) ist u.a. ein Risikofaktor für: Diabetes mellitus Typ 2. Fettstoffwechselerkrankungen (z. B. Hypertriglyzeridämie,  Hypercholesterinämie) Fettleber und Refluxkrankheit (Sodbrennen), Erkrankungen der Gallenblase. Arteriosklerose, in weiterer Folge Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zum Herzinfarkt.

Je höher der Adipositasgrad, desto höher ist das Risiko für Folgeerkrankungen, die die Lebensdauer verkürzen werden. Ab einem BMI von 30 sinkt die Lebenserwartung um durchschnittlich zwei bis vier Jahre. Bei Adipositas mit einem BMI von über 35 verringert sich die Lebenserwartung sogar um acht bis zehn Jahre.

Ist Adipositas eine chronische Krankheit?
„Die Ursachen von Adipositas sind komplex und reichen viel tiefer; sie können genetisch bedingt sein, zumeist liegt eine Störung der Stoffwechselregulation vor – häufig kommen viele Faktoren zusammen“, erläutert Dr. Sylvia Weiner. „Es handelt sich im Wesentlichen um eine  chronisch-entzündliche Erkrankung.“ Ist Adipositas eine Essstörung? Nein. Übergewicht bedeutet, dass das Fettgewebe im Körper eines Menschen vermehrt ist.

Nicht heilbar, aber behandelbar

Adipositas ist nicht heilbar – aber behandelbar“, sagt Professor Arne Dietrich, Leiter des Bereichs Adipositas– und metabolische Chirurgie am Universitätsklinikum Leipzig.

Als Basisbehandlung bei Adipositas wird in der Regel eine Änderung des Lebensstils gefordert ‒ hin zu einer kalorienreduzierten Ernährung und vermehrter körperlicher Aktivität. Mit einer Ernährungsumstellung und mehr Bewegung soll das erreichte Gewicht dauerhaft gehalten werden, was aber oftmals bis nie erreicht wird.

Wenn alles nicht mehr hilft: In Deutschland sind die Mittel Orlistat, Liraglutid, Cathin und Amfepramon zur Behandlung von Adipositas zugelassen. Als neues Medikament zur Behandlung von Adipositas wurde europaweit eine Kombination aus Bupropion und Naltrexon (Mysimba) zugelassen.

Medikament gegen Übergewicht

Jetzt gibt es ein neues Medikament gegen Übergewicht. Vor rund einem Monat gab der US-Pharmahersteller Lilly ein Forschungsergebnis bekannt, dessen Bedeutung nur langsam ins öffentliche Bewusstsein sickert. Mehr als 2.500 Menschen, im Mittel knapp 100 Kilogramm schwer, hatten über 72 Wochen hinweg einmal wöchentlich den neu entwickelten Wirkstoff Tirzepatid eingenommen. Am Ende wogen die Menschen, die sich unwissentlich ein Placebo gespritzt hatten, zwei Kilo weniger. Mit Tirzepatid hatten die Teilnehmer im Durchschnitt 24 Kilo abgenommen.

Das Ergebnis wird seither von Ärzten und Adipositas-Forschern mit Staunen kommentiert. Der Begeisterung auf Twitter und in der „New York Times“ schließen sich auch deutsche Adipositas-Forscher an. Die weltbekannte Adipositas-Expertin Donna Ryan, emeritierte Professorin am Pennington Biomedical Research Center in New-Orleans, bezeichnete die neuen Wirkstoffe gegenüber WELT als „bedeutenden medizinischen Fortschritt“:

Zweifellos würden sie die Art der Adipositas-Behandlung verändern. Eine Zulassung von Tirzepatid wird gegen Ende 2022 erwartet. Wann das Medikament in Europa oder Deutschland zugelassen wird, steht noch nicht fest.

Die Kosten der Behandlung

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Schlauchmagen-OP nach Antragstellung und ausführlicher Prüfung, ob eine medizinische Notwendigkeit vorliegt und bestimmte Bedingungen erfüllt sind. In der Regel werden die Kosten ab einem BMI von 40 übernommen.

Die Kosten bei einem Magenbypass können je nach Klinik erheblich schwanken. Mit um die 10.000 Euro plus/minus muss jedoch gerechnet werden. Den Betroffenen wird es aber nicht leicht gemacht. Zu den normalen Regelleistungen der gesetzlichen Krankenkassen gehört die Magenverkleinerung nicht. Versicherte müssen für die Übernahme der Kosten zusammen mit dem Arzt einen Antrag bei der Kasse stellen und diesen Behandlungsschritt umfassend begründen.

Laut einem vor kurzem im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienenen Aufsatz werden bundesweit etwa 20.000 adipositaschirurgische Operationen pro Jahr gemacht. Die am häufigsten angewendeten Verfahren führten zu einem Gewichtsverlust von 27 bis 69 Prozent des überschüssigen Körpergewichts nach mehr als zehn Jahren, hieß es. Allerdings sei eine lebenslange Nachsorge erforderlich.

Das Iges Institut, ein Forschungs- und Beratungsinstitut für Infrastruktur- und Gesundheitsfragen, schätzte die indirekten Kosten der Adipositas bereits 2016 auf 6 bis 33 Milliarden Euro pro Jahr. Wie das 2022 oder gar 2035 aussieht, kann sich ein jeder vorstellen.

Teure Beratung

Eine Ernährungsberatung beim Arzt ist auch nicht ganz preiswert. Fachverbände empfehlen für ein 60-minütiges Beratungsgespräch einen Preis von 60 bis 140 Euro brutto. Die meisten Kassen bezuschussen fünf Stunden Ernährungstherapie pro Jahr. Gesetzliche Krankenkassen bezuschussen eine zertifizierte Ernährungsberatung mit 30-100 Prozent der Kosten.

Alle Kosten, die über den Maximalbetrag hinausgehen oder von den Richtlinien der GKV ausgeschlossen sind, muss der Patient selbst tragen (Eigenanteil). Das Gute daran ist: Jeder behandelnde Arzt kann seinem Patienten eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung zur Ernährungsberatung/Ernährungstherapie ausstellen. Es handelt sich dabei um eine budgetneutrale Verordnung.

Alternativ gibt es private und erschwingliche Abnehm- und Ernährungs-Coachings, die den Betroffenen helfen können, Beschwerden zu minimieren und das Gewicht dauerhaft zu halten. Die Health Coaches von wellabe beispielsweise stehen Teilnehmern tagtäglich via WhatsApp, Telefon, E-Mail oder Video-Call zur Seite, um mit motivierenden Challenges und viel Unterstützung Schritt für Schritt zum Wunschgewicht zu führen, bzw. die Erhaltung des aktuellen Gewichts zu sichern.

Dabei fangen die Ernährungswissenschaftler mit einer Analyse der aktuellen Gewohnheiten, Bedürfnisse und Zielen des Coachees an und kreieren daraufhin einen individuellen Abnehm- und Ernährungsplan. Wichtig ist, dass der Betroffene ganzheitlich und individuell begleitet wird, um Ernährung, Bewegung und dein Mindset im Alltag zu optimieren. So ein Coaching-Programm kann man bereits für 39,90 € / Monat ( 1,30 € / Tag) buchen.

 

Quellen

adipositas-gesellschaft.de

stiftung-gesundheitswissen.de

gesundheitsinformation.de

dpa/ae

welt.de

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