Einsamkeit

4. Dezember 2020

Was macht sie mit uns?

Was macht sie mit uns?

Jetzt, in diesen schweren Corona-Zeiten, kommt ein Problem auf uns zu, über das lange nicht gesprochen wurde: „Einsamkeit“! Fast 50 Millionen Menschen in der europäischen Bevölkerung treffen nicht mal einmal im Jahr Freunde oder Verwandte. Sie leben in totaler Isolation. Das Rote Kreuz spricht im Zusammenhang mit Einsamkeit und Isolation von einer „Epidemie im Verborgenen“. Der EU-weite European Social Survey zeigte 2019, dass sich sieben Prozent der Europäerinnen und Europäer häufig einsam fühlen.

Isolation erhöht unter anderem das Risiko für Herzerkrankungen um 29 Prozent und für Schlaganfälle um 32 Prozent – so ergab eine Studie. Einsamkeit und Isolation, so heißt es weiter, werden mit Stress, Depressionen und Suizidgedanken in Verbindung gebracht.

Manfred Spitzers 2018 erschienenes Buch Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“ hat einige wachgerüttelt. Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, hat Einsamkeit zur „Todesursache Nummer eins“ erklärt. Man mag das für übertrieben halten, doch es dürfte dennoch einiges dran sein.

Die Probleme werden immer größer

Mit zunehmender Isolation durch Corona betrifft das Phänomen immer mehr Menschen. Weitgehende Kontaktverbote, die Reduzierung auf Treffen zwischen Menschen aus maximal zwei Haushalten und auch private Reisen und Verwandtenbesuche sollen nicht mehr stattfinden. Freunde in Restaurants, Bars oder Kneipen treffen ist nicht mehr möglich, und auch Fitnessstudios, Saunen und Thermen, Kinos, Theater, Freizeitparks, Kosmetikstudios und Massagepraxen bleiben geschlossen. Mit anderen Worten, alle Begegnungsstätten, wo man Menschen treffen könnte, müssen zu bleiben.

Der bekannte Spruch: „Erzähl das doch deinem Friseur“, bekommt nun eine ganz neue Bedeutung, denn Friseurläden dürfen geöffnet bleiben. Hinzu kommt, dass die dunkle Jahreszeit angebrochen ist, die bekanntlich bei vielen Menschen zu Depressionen führt. Und leider besteht wenig Hoffnung, dass Corona in absehbarer Zeit einfach wieder verschwinden wird.

Und noch etwas: Alte Menschen haben ein Recht auf Besuch und Berührung, auch in den Pflegeheimen. Was Pflegebedürftige und ihre Angehörigen in der ersten Corona-Welle erlebt haben, möchten sie so schnell nicht wieder erleben.

„Das Problem der Einsamkeit zu Weihnachten droht zu eskalieren“ titelte nun die „Welt“. Die Pandemie wird uns ans kollektive Gemüt gehen, das steht schon einmal fest. Es kommt das Gefühl auf, dass wir in einer sehr entfremdeten Gesellschaft leben. Eine Ursache dafür: Laut Statistischem Bundesamt stieg die Zahl der Einpersonenhaushalte seit 1991 um 46 Prozent.

Einsamkeits-Studie “Jo Cox Commission on Loneliness”

Menschen brauchen vor allem andere Menschen, wenn sie gesund bleiben wollen. Leider nimmt die soziale Isolation immer weiter zu. 2017 ergab eine Umfrage, dass sich mehr als neun Millionen Briten oft oder immer einsam fühlen, und viele Menschen in Großbritannien, die älter als 60 Jahre sind, jeden Tag alleine ohne sozialen Umgang verbringen.

Das weltweit erste Ministerium für Einsamkeit

Die damalige Premierministerin Theresa May hat darauf reagiert und 2018 das weltweit erste Ministerium für Einsamkeit eingeführt. Tracey Crouch wurde zur ersten “Ministerin für Einsamkeit” ernannt und die deutsche Jung-Politikerin Diana Kinnert von der CDU hat dabei geholfen, das Anti-Einsamkeitsministerium einzurichten.

Sie kämpft dafür, dass man es sich auch in Deutschland zur Aufgabe macht, Menschen aus der Einsamkeit zu holen. Premierministerin May sprach von der „traurigen Realität des modernen Lebens“, die Millionen Menschen betreffe.

Eine im April 2020 veröffentlichte Erhebung des britischen Senders BBC Radio 4 ergab bei einer Befragung von über 46.000 Personen aus 237 Ländern, dass Menschen in individualistischen Gesellschaften am häufigsten einsam sind. Zuständige Ministerin für das Thema Einsamkeit in Großbritannien ist die Baronin Diana Barran.

Einsamkeit: Ein globales Problem mit epidemischen Ausmaßen

Ein Blick über den großen Teich zeigt, dass Europa nicht allein betroffen ist: Eine aktuelle Studie der Meinungsforschungsinstitute Cigna und Ipsos MORI ergab, dass die Einsamkeit in den USA “epidemische Ausmaße” erreicht habe. Fast die Hälfte der Befragten gab an, dass sie sich manchmal oder immer einsam oder ausgeschlossen fühlten. Und nun kommt das Erstaunliche: Jüngere Menschen sind einsamer als ältere. Woran könnte das liegen?

Dass Einsamkeit in den meisten westlichen, individualistisch geprägten Ländern zum Problem geworden ist, liegt für viele Fachleute im weltweiten Trend zum Einpersonenhaushalt. Und doch ist es erstaunlich, dass jüngere Generationen einsamer sein sollen als die Generationen mittleren Alters, wie die Cigna-Studie ergeben hat.

Am meisten betroffen sind laut Studie die 18- bis 22-jährigen, aber auch die Menschen im Alter von 23 bis 37 Jahren fühlen sich einsamer als die Altersgruppe der 52- bis 71-jährigen. Dennoch spielen in der Statistik ältere Menschen die größere Rolle, auch wenn sich die Jüngeren einsamer fühlen. Diese Ergebnisse decken sich mit den Zahlen des britischen Statistikamtes.

Sind die Jungen einsamer als die Älteren?

Wir müssen uns die Frage stellen, warum in der westlichen Welt immer mehr Singles leben. Der Grund dürfte in der sich rasant verändernden Gesellschaft liegen. Alle wollen immer mehr, höher, schneller, weiter. Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen, ist nicht mehr en vogue.

Doch genau darum geht es in einer Beziehung. Aber immer mehr, vor allem junge Menschen, scheuen sich offenbar davor, Verantwortung zu übernehmen. Dann lieber einsam bleiben? Ganz so einfach ist das nicht.

Der ehemalige US-Chirurg General Vivek Murthy schrieb vergangenes Jahr, das häufigste Krankheitsbild, das er als Arzt erlebt habe, seien weder Herzkrankheit noch Diabetes gewesen: „Es war Einsamkeit.” Vivek Murthy leitete unter Präsident Obama die US-Gesundheitsbehörde.

Eine Auswertung von 148 Studien aus den USA, Europa, Asien und Australien zeigt nun: Einsame Menschen sterben früher. Der Studie lagen verschiedene Parameter zugrunde wie soziale Isolation, höhere Scheidungsraten, Einsamkeit und Single-Dasein.

Auch der Fokus auf die sozialen Medien, statt echter Kontakte, verstärkt das Problem. Nun ist es so: Wenn das Gefühl der Einsamkeit zu einem Dauerzustand wird, sprechen Fachleute und Ärzte von Vereinsamung. Das dürfte die Vorstufe zur Depression sein.

Über deren Folgen müssen wir nicht weiter diskutieren, sie sind hinlänglich bekannt. Ganz nebenbei: Seit den 1980er-Jahren hat in Japan das Sterben vereinsamter alter Menschen einen Namen: Kodokushi. Kodokushi, wörtlich übersetzt „Einsamer Tod“ oder „Einsames Sterben“, bezeichnet das Versterben zumeist vereinsamter Menschen, deren Ableben oft längere Zeit unbemerkt bleibt.

In einem weiteren Blog-Artikel gehen wir der Frage nach, wie es in Deutschland um die Einsamkeit bestellt ist. Denn auch immer mehr Deutsche leiden unter Einsamkeit. Und auch die Frage, ob ärmere Menschen stärker betroffen sind als wohlhabende, wollen wir klären. Einsamkeit wird in Deutschland oft als Makel empfunden, weshalb nur sehr Wenige sich offenbaren und darüber sprechen. Wir wollen herausfinden, wie man diesen Knoten lösen kann.

Bleibt weiter alle gesund und munter, auch wenn es draußen nun sehr früh dunkel wird.

Quellen: euronews.com, Spiegel und Focus.de