Der Jakobsweg

1. Oktober 2021

Eine Reise zu sich selbst?

Eine Reise zu sich selbst?

„Ich bin dann mal weg – Meine Reise auf dem Jakobsweg“. Dieses 2006 erschienene Buch des deutschen Entertainers Hape Kerkeling machte den Jakobsweg einem breiten Publikum bekannt und stand mehr als hundert Wochen lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher. Das Buch gilt mit mehr als vier Millionen verkauften Exemplaren als eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Sachbücher. 2007 wurde es ins Niederländische und 2009 ins amerikanische Englisch übersetzt.

Der Kerkeling-Effekt

Bei den Deutschen setzte in den folgenden Jahren der sogenannte „Kerkeling-Effekt“ ein. Immer mehr wollten nun den Jakobsweg gehen. Ein Jahr nach Erscheinen des Buches machten sich 13.837 Menschen auf den Weg – 71 Prozent mehr als im Vorjahr. 

In seinem Buch beschreibt Hape Kerkeling die Erlebnisse seiner Pilgerreise nach Santiago de Compostela im Jahr 2001. Auslöser für die Entscheidung, den Jakobsweg zu gehen, waren gesundheitliche Probleme, die ihm wohl auf die Psyche geschlagen sind. Nun wird umgangssprachlich als Synonym für Psyche ja häufig das Wort „Seele“ verwendet. Man könnte also sagen, dass der Jakobsweg sowas wie eine Seelenwanderung ist. Als Gesamtheit der Psyche beschreibt man das, was den Menschen bezüglich seiner Persönlichkeitsmerkmale, Wahrnehmungen, Empfindungen, Emotionen, Empathie, Wissen, Intuition, Motivation und Denkprozesse ausmacht. Auf dem Jakobsweg geht man also auch auf eine Gedankenreise, um einen Weg zu sich selbst zu finden.

Der Camino Francés

Hape Kerkeling wählte für seine Wanderung den klassischen Jakobsweg, den Camino Francés (deutsch: „Französischer Weg“), der auf einer Strecke von knapp 800 Kilometern vom französischen Saint-Jean-Pied-de-Port aus den Norden der Iberischen Halbinsel durchquert und bis nach Santiago de Compostela führt. Der französische Weg gilt als die beliebteste und meist gebuchte Wegstrecke des Jakobsweges. Dabei passiert man so bedeutende Städte wie Burgos und León und durchquert vier Regionen Spaniens: die Navarra, La Rioja, Castilla y León und Galizien.

Hape Kerkeling musste sich wie alle Pilger mit den physischen und psychischen Anforderungen dieser Reise auseinandersetzen. Er lernte dabei nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Glauben – Zitat: „Buddhist mit christlichem Überbau“ – besser kennen. Hape Kerkeling war zuvor nie als Wandervogelin Erscheinung getreten, die 800 Kilometer aber hat er geschafft. „Ich bin dann mal weg“ wurde 2015 von Julia von Heinz verfilmt. Die Hauptrolle übernahmDevid Striesow.

Wie alles begann

Schon seit fast 1000 Jahren beschreiten Menschen den Jakobsweg. Damals hat man das noch nicht Wandern genannt, sondern Pilgern. Das Pilgern hat eine lange Tradition. Der erste Pilger soll nach der Überlieferung Abraham, der Vater des Christentums, gewesen sein. Die Pilgerfahrt nach Mekka, noch heute für die meisten Muslime religiöser Höhepunkt des Jahres, geht bis ins Jahr 632 zurück. Seit dem Mittelalter wurde dann in ganz Europa gepilgert. Nur ging es damals nicht wie heute vor allem darum, gesund zu bleiben oder die Natur zu bewundern, vielmehr wollten sich die christlichen Pilger so von ihren Sünden befreien. 

Die Jakobusverehrung – der heilige Apostel Jakobus

Die Entstehung des Camino Francés, des klassischen Jakobsweges von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela, geht auf die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts zurück. Ziel des Jakobweges istdas Grab des heiligen Apostels Jakobus in Santiago de Compostela, das zu den großen christlichen Wallfahrtszielen des Mittelalters gehört. Das Grab des Apostels befindet sich in der Kathedrale von Santiago de Compostela. 

Jakobus zählt zu den zwölf Aposteln Jesu Christi und ist einer der bekanntesten Heiligen weltweit. Zahlreiche Städte wie Santiago de Chile, Santiago de Cuba, Santiago de los Caballeros – von „Sant Iago“, Spanisch für „Heiliger Jakob“ – sowie hunderte von Jakobskirchen tragen heute seinen Namen. Im achten Jahrhundert bauten spanische Christen dem Apostel Jakobus die Kathedrale von Santiago de Compostela und trugen seine vermeintlichen Reliquien am 25. Juli 816 in einem goldenen Sarkophag hinein. 

Und natürlich hat der Heilige auch seinen eigenen Gedenktag: In der evangelischen und katholischen Kirche ist der Jakobus-Gedenktag der 25. Juli, an dem im Mittelalter in vielen Gegenden Europas Erntefeste gefeiert wurde. In der orthodoxen Kirche ist es der 30. April, in der koptischen Kirche der 12. April und in der äthiopischen Kirche der 28. Dezember. 1982 und 1989 besuchtePapst Johannes Paul II. Santiago de Compostela.

Heute geht es nicht mehr um Buße oder Sünden

Heute begeben sich die Menschen nicht mehr auf den Jakobsweg, um Buße zu tun oder von ihren Sünden befreit zu werden. Auch sind es längst nicht nur Christen, die den 800 Kilometer langen Weg beschreiten. Wandern ist das neue Pilgern, und das Gehen im Einklang mit der Natur erfreut sich großer Beliebtheit. Man kann dabei wunderbar abschalten, innerlich einkehren, sich auf sich selbst konzentrieren und sich dabei an zahlreichen Sehenswürdigkeiten erfreuen und über das Leben nachdenken, so wie es Hape Kerkeling auch gemacht hat. Verlaufen kann man sich nicht, alle Jakobswege sind mit gelben Pfeilen oder der gelben Jakobsmuschelausgezeichnet. 1993 wurde der Jakobsweg übrigens als UNESCO-Welterbe eingetragen und 1998 erhielten auch die vier im Liber Sancti Jacobi beschriebenen französischen Wege diesen Titel.

Die schönsten Pilgerwege Europas

Der Jakobswegist eigentlich ein Sammelbegriff, unter dem alle „Wege der Jakobspilger“, also alle europäischen Pilgerwege zusammengefasst werden, die zum Grab des Apostels Jakobus nach Santiago de Compostela in Spanien führen und ein weitverzweigtes Netz bilden. Als schönster Abschnitt des Jakobsweges gilt vielen der Camino Primitivo entlang des Küstengebirges im Norden Spaniens. Wer sich auf den Jakobsweg macht, sollte viel Zeit mitbringen, denn je nach Startpunkt kann man auch mehrere Monate unterwegs sein.

Ab Deutschland, Österreich und der Schweiz braucht man für die ganze Strecke bis Santiago gute drei Monate. Ab der spanischen Grenze braucht man etwa fünf Wochen, wobei man das auch nur schafft, wenn man täglich 30 Kilometer zurücklegt. Für Wander-Anfänger sind 30 Kilometer bei Weitem zu viel, daher empfehlen wir euch nur eine maximale Tagesstrecke von 15 bis 20 Kilometern. So sieht man auch mehr von der Landschaft, auch wenn sich dadurch natürlich die Reisezeit verlängert.

Aber nicht nur der Jakobsweg lädt zum Wandern ein. Zu den schönsten Pilgerwegen Europas gehören auch der Via Francigena in Italien, der St. Olavsleden in Norwegen, der Martinusweg von Ungarn nach Frankreich oder der Croagh Patrick in Irland. 

Schöne Pilgerwege in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es ein dichtes Netz an Jakobswegen. Einer davon ist der 466 Kilometer lange ökumenische Pilgerweg, der in Görlitz in Sachsen beginnt und in Vacha in Thüringen endet. Zu den schönsten Pilger-Wanderstrecken in Deutschland zählt auch der Mosel-Camino Pilgerweg, der am Rhein in Lahnstein beginnt. Er ist 156 Kilometer lang und führt durch den Hunsrück bis nach Trier. In Trier befindet sich auch das einzigeApostel-Grab nördlich der Alpen, das Grab des Apostels Matthias. Auf der Strecke an der Mosel kann man zudem ein schönes Glas Moselwein genießen.

Beliebt ist auch die Bonifatius-Route. Der 182 Kilometer lange Pilgerweg beginnt am Mainzer Dom und führt durch den Rheingau und das Fuldaer Land, – schöne Weinberge inklusive. Benannt wurde der Weg nach dem Wanderprediger Bonifatius, der um 672 bis 754 gelebt haben soll und als „Apostel der Deutschen“ verehrt wurde.

Zu den schönsten Pilgerwegen in Deutschland gehören auch die drei Elisabethpfade. Alle drei führen zum Grab der Heiligen Elisabeth in Marburg. Ihr könnt sowohl in Frankfurt am Main, als auch in Köln oder in Eisenach starten. Das Ziel ist die Elisabethkirche in Marburg, die 1235 bis 1283 direkt über dem Grab der Heiligen Elisabeth gebaut wurde. Die Kirche gilt als älteste gotische Hallenkirche in ganz Deutschland. Von Eisenach führt der Elisabethpfad dann direkt zum ökumenischen Pilgerweg. Bis heute ist die Heilige Elisabeth Patronin von Thüringen und Hessen. Sie gilt als Beschützerin von Witwen und Waisen, Bettlern, Kranken und unschuldig Verfolgten. Die einstige ungarische Prinzessin und deutsche Landgräfin ist Heilige der Katholischen Kirche und galt in Deutschland zeitweise auch als „Nationalheilige“. Als Sinnbild tätiger Nächstenliebe wird die Heilige auch im Protestantismus verehrt.

Nicht nur Hape Kerkeling ist den Jakobsweg gegangen – auf den Weg gemacht haben sich zum Beispiel auch die Schriftsteller Cees Nooteboom und Paulo Coelho, dieSchauspielerin Shirley MacLaine, die Entertainer Frank Elstner und Alexander Rüdiger, die Malerin Diane Herzogin von Württemberg und die US-amerikanische Präsidententochter Jenna Bush.

Wie heißt es so schön: Viele Wege führen nach Rom, und so ist das auch mit den Jakobswegen. Es gibt unzählige davon, denn die verschiedenen Jakobswege bilden ein Wegnetz in ganz Europa. In Spanien sagt man, “der Camino beginnt bei Ihnen zuhause.” Sobald ein Pilger oder eine Pilgerin sich auf den Weg nach Santiago de Compostela macht, ist er auf dem Jakobsweg. In Santiago angekommen erhalten alle Pilger eine Urkunde, die „Compostela“. In Spanien und Frankreich wird die Urkunde sogar in Bewerbungsunterlagen verwendet. Die Bewerber wollen damit zeigen, dass sie über ihre Fachkompetenz hinaus eben auch sozial und spirituell bewandert sind.

Starten könnt ihr also, wo ihr wollt. Der Jakobsweg ist ideal, um zu sich selbst zu finden, und auch eine Chance, sich seinen Ängsten zu stellen, persönlich zu wachsen und stärker zu werden. 

Inspiriert? Wir wünschen schon einmal eine gute Reise!