Vegane Ernährung

8. November 2021

Nicht nur ein hipper Trend

Nicht nur ein hipper Trend

Leben ohne tierische Produkte – rund 8 Millionen Deutsche essen mittlerweile kein Fleisch mehr. Im vergangenen Jahr wurden allein in Deutschland 993 Millionen Euro mit dem Verkauf pflanzlicher Alternativprodukte wie beispielsweise Hafermilch oder Soja-Käse erzielt.

Zwei Jahre zuvor waren es lediglich 523 Millionen Euro, und dieser Trend hält in ganz Europa an. In Großbritannien liegt das Wachstum sogar bei 700 Prozent. Laut Business Insider waren über 20 Prozent der Lebensmittel, die 2020 neu in Großbritannien auf den Markt kamen, vegan. In Deutschland waren es 18 Prozent, in Polen 16 und in den Niederlanden 15 Prozent – im Vergleich dazu: Nur 11 Prozent der neuen Lebensmittel in den USA waren vegan.

Die Befürworter der veganen Ernährung sind sogar der Meinung, es gäbe keine Ausreden mehr, sich nicht vegan zu ernähren. 

70 Prozent haben Interesse an veganer Ernährung

Bei den 18- bis 35-Jährigen in Deutschland interessieren sich mittlerweile sogar 70 Prozent für eine vegane Ernährung. Doch auch über alle Altersgruppen hinweg stehen pflanzenbasierte Produkte hoch im Kurs: Schon heute ernähren sich schätzungsweise rund 75 Millionen Europäer rein pflanzlich oder vegetarisch. Den höchsten Anteil an Vegetariern verzeichnete im Jahr 2020 die Schweiz.

Weltweit vorne liegen die Inder – hier ernähren sich 38 Prozent der Gesamtbevölkerung vegetarisch. Gleich dahinter folgt Israel mit 13 Prozent Vegetariern und 5 Prozent Veganern. Damit ist Israel das Land mit den meisten Veganern auf der Welt.

Der Verzicht auf tierische Produkte – egal welcher Art – ist nicht nur ein hipper Trend, sondern für viele Menschen auch eine Weltanschauung. Für Veganer ist diese Ernährungsform zukunftsweisend, wie eine Umfrage zeigt. Nach ihren Gründen befragt, äußerten sie sich so: Für 82,6 Prozent geht es um Tierrechte und Tierschutz, Tiere sollen nicht leiden und nicht getötet werden. 41,5 Prozent gaben an, dass ihnen der Umweltschutz und die Nachhaltigkeit am wichtigsten seien. Knapp 40 Prozent geht es um ihre Gesundheit, die sie verbessern und erhalten möchten.

Die Tierschutz Organisation PETA  liefert weitere Argumente: „Je mehr tierische Produkte wir konsumieren, desto weniger Menschen können wir weltweit ernähren. Statt angebautes Sojaund Getreide direkt für die menschliche Ernährung zu verwenden, wird ein Großteil der Feldfrüchte an Tiere verfüttert, die für Fleisch, Milch oder Eier gehalten werden. Das ist nicht nur ineffizient, sondern sorgt ganz direkt dafür, dass Menschen hungern“. 70 % des Getreideanbaus wird an Tiere verfüttert, um Fleisch zu „produzieren“, statt mit diesem Getreide Menschen direkt zu ernähren.

Ein starkes Argument

Hinzu kommt, dass eine vegane Ernährung die Umwelt schont. Würde sich die gesamte Weltbevölkerung vegan ernähren, könnte die landwirtschaftlich genutzte Fläche um 75% reduziert werden. Das entspricht der Fläche von den USA, China, Australien und der EU zusammen. 

Hersteller fleischloser Ersatzprodukte jedenfalls profitieren erheblich von dem veganen Trend. Der Rügenwalder Mühle Konzern begann ab dem Jahr 2014 mit einer fleischfreien Produktlinie, und seither eilt der Lebensmittelhersteller von einem Rekord zum nächsten. Bis zum Jahr 2030 sollen etwa 28 Prozent der Fleischprodukte durch pflanzliche Alternativen ersetzt werden. Prognosen zufolge soll dieser Wert bis 2040 sogar auf 60 Prozent ansteigen. 

Das Für und Wider der veganen Ernährung

Ist die vegane Ernährungsform die Zukunft? Diese Frage wird oft kontrovers diskutiert. Von ihren Gegnern wird die rein pflanzliche Ernährungsform oftmals pauschal als einseitig und ungesund abgestempelt. Ein Argument, das immer wieder auftaucht, sind die Mangelerscheinungen aufgrund einer unzureichenden Versorgung mit Proteinen, Kalzium, Eisen und Vitamin D, die typisch seien für eine vegane Ernährung. Die verringerte Zufuhr an Eiweiß, Vitamin A, Vitamin B1, Vitamin B12, Eisen, Zink und Omega-3-Fettsäuren könne zu ernsthaften Schäden führen.

Die Befürworter der pflanzlichen Ernährung argumentieren hingegen, dass Mangelerscheinungen nicht typisch und bei einer abwechslungsreichen veganen Ernährung nicht zu erwarten seien. Ausnahme seien die Vitamine B12 und D, die man supplementieren sollte. Wissenschaftliche Studien hätten zudem gezeigt:Veganer*innen mit einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Kost seien optimal mit gesunden pflanzlichen Proteinen mit einem höheren Gehalt an basischen Aminosäuren versorgt. 

Tierisches Protein dagegen habe einen höheren Gehalt an sauren Aminosäuren, und diese seien die Ursache von vielen Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Osteoporose, Diabetes und sogar Krebs. Veganer*innen weisen laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ein geringeres Risiko für Krankheiten auf, die durch schlechte Ernährung ausgelöst werden. Eine rein pflanzliche Ernährung könne die Cholesterinwerte senken.

Vegane Ernährung gesünder als vegetarische Ernährung?

Der Autorin Dr. med. Claudia Christof und dem Molekularbiologen Bernd Kerschner (Uni Wien) zufolge fehlen bislang Belege dafür, dass eine vegane Ernährung gesünder ist als eine vegetarische. Sowohl eine vegetarische wie auch eine vegane Ernährung, so die Experten, scheinen das Krebsrisiko verglichen mit Mischkost geringfügig zu senken, ein längeres Leben aber scheine der völlige Verzicht auf tierische Nahrungsmittel ebenso wenig mit sich zu bringen wie eine vegetarische Ernährung. Beobachtungsstudien gäben keine Hinweise darauf, dass Veganerinnen und Veganer länger leben als Menschen, die Fleisch essen. Das gelte jedoch auch für Menschen, die sich vegetarisch ernähren, schreiben die Autorenauf Medizin-Transparent.at.

„Für Erwachsene ist es – bei guter Planung – möglich, sich ohne gesundheitliche Folgen vegan zu ernähren. Eine Nahrungsergänzung mit Vitamin B12 ist jedoch Voraussetzung. Positive gesundheitliche Auswirkungen, über die einer vegetarischen Ernährung hinaus, sind jedoch nicht belegt. Bisher gibt es dazu noch kaum Forschung – zukünftige große Studien werden hier vielleicht mehr Aufschluss geben“. Ausdrücklich weisen die Autoren darauf hin, dass eine vegane Ernährung nicht für Kinder empfohlen wird.

Kinder brauchen für das Wachstum besonders viele Nährstoffe. Dieser erhöhte Bedarf kann durch eine vegane Ernährung nicht gedeckt werden. Von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heißt es hierzu: „Für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche wird eine vegane Ernährung von der DGE nicht empfohlen.“

Dass Menschen, die sich pflanzenbasiert ernähren, länger leben, will hingegen die australisch-US-amerikanische Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn in einer Studie herausgefunden haben. Durch eine vegane Ernährung würden sich mehr als 500 Gene positiv verändern, und das schon nach drei Monaten. 2006 erhielt die Forscherin den Albert Lasker Award for Basic Medical Research und den Gruber-Preis für Genetik. Die Entschlüsselung des Alterns: Der Telomer-Effekt – Der Prozess der Zellalterung, darüber hat sie mit der Stressforscherin Elissa Epel von der University of California in San Francisco ein fast 500 Seiten dickes Buch geschrieben. „Ob wir uns jung und fit oder alt fühlen, hängt von den Telomeren ab“, erklären die Autorinnen darin. Und das habe auch viel mit der Ernährung zu tun.

Wer als Erwachsener viel Gemüse, Obst, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Brot, Linsen, Bohnen, Nüsse und Samen auf seinem Speiseplan hat, dürfte ganz klar gesünder leben als jene, die täglich Fleisch verzehren. 

Eine Studie von nu3 kommt zu folgendem Schluss: Sich bewusst ernähren tut gut. 80 Prozent aller Menschen, die dauerhaft eine bestimmte Ernährungsform verfolgen, fühlen sich insgesamt wohler als je zuvor. Die größte Verbesserung empfinden die Befragten bei Paleo (83 Prozent) und Vegan (82 Prozent), berichtete die Frankfurter Rundschau.

Vegan liegt auch in Restaurants voll im Trend

Am laufenden Band eröffnen nun vegane Supermärkte, vegane Restaurants, vegane Eissalons und vegane Burger-Läden. Laut Statista ist die Anzahl der rein veganen Gastronomiebetriebe in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Während es im Jahr 2013 lediglich 75 vegane Restaurants gab, waren es 2021 bereits rund 300 rein vegane Gastronomiebetriebe

Allein Berlin verzeichnet mehr als 75 vegane Restaurants und Cafés. An zweiter Stelle steht München mit 13 pflanzlichen Gastrobetrieben, gefolgt von Leipzig und Köln. Pro Kopf gerechnet gibt es in Kassel, Leipzig und Jena die meisten veganen Restaurants. Weltweit auf Platz 1 der Städte mit den meisten vegan-freundlichen Restaurants ist Dublin.

Stellt sich nur noch eine Frage, wer sind die Veganer?

Das Meinungsforschungsinstitut Skorpos ermittelte 2018 in einer Stichprobe, dass der vegan lebende Mensch in Deutschland zumeist weiblich (81 %), zwischen 20 und 39 Jahren alt (60 %) sowie hochgebildet (70 %) ist. Ausnahmen bestätigen wohl auch hier die Regel.

Ihr solltet eure Ernährung allerdings nicht zum Glaubenskrieg machen. Welche Ernährungsform für einen selbst gut ist, muss jeder für sich entscheiden.

Bleibt gesund und lasst es euch schmecken!

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Medizin-transparent.at

Dinu M, Abbate R, Gensini GF, Casini A, Sofi F. Vegetarian, vegan diets and multiple health outcomes: a systematic review with meta-analysis of observational studies. Crit Rev Food Sci Nutr. 2016 Feb 6:0.

Frankfurter Rundschau, Business Insider

Statista, Skorpos, nu3