Vitaminpillen zur Nahrungsergänzung

14. Juli 2020

Wie gesund sind sie wirklich?

Vitaminpillen

Wer sich gesund ernährt, benötigt eigentlich keine Vitaminpillen oder zusätzliche Nahrungsergänzungsmittel. Bei einer ausgewogenen Ernährung bekommt der Körper alle Vitamine und Mineralien, die er braucht.

Schlechte Ernährung und einen ungesunden Lebensstil kann man nicht mit Pillen und Kapseln kompensieren. „Jeder, der solche Produkte ohne ärztlich nachgewiesene Indikation einnimmt, führt einen Großversuch im eigenen Körper durch,“ sagt Professor Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln.Wer also ausreichend Obst, Gemüse und Salat auf dem Teller hat, braucht keine zusätzlichen Vitamintabletten, wenn er gesund ist. Auch Getreide, Fleisch, Fisch und Milch liefern uns alle Stoffe.

Nur Menschen, die tatsächlich unter einer mangelnden Versorgung leiden, sind auf die Zufuhr von künstlichen Vitaminen angewiesen. Laut einem Bericht des Robert-Koch-Instituts reicht der Vitaminanteil in der normalen Kost aus, um den Bedarf der deutschen Bevölkerung zu decken. Eine sinnvolle Ergänzung zur Ernährung leisten zusätzliche Mineralstoffe oder Vitamine nur in besonderen Lebenssituationen oder bei bestimmten Risikogruppen, unterstreicht die BKK.

Nahrungsergänzungsmittel wurden zum Lifestyle-Produkt

Stand 2018 wurden in Deutschland pro Jahr fast 225 Millionen Packungen mit Nahrungsergänzungsmitteln verkauft. 30 Prozent der Bevölkerung nehmen fast täglich Präparate, die Vitamine oder Mineralstoffe enthalten und viel versprechen. Ein Milliardenmarkt – 1.4 Mrd. Euro Umsatz wurden laut Statistik 2018 mit Nahrungsergänzungsmitteln erzielt.

Heute dürfte es noch weit mehr sein. Laut dem Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL) verkauften sich vor allem Vitamin C, Multivitamine (mit oder ohne Mineralien) und Vitamin B-Kombinationen. Bei den Mineralstoffen ist Magnesium mit Abstand am beliebtesten, gefolgt von Calcium sowie Kalium und Zink.

400 Millionen Euro wurden mit Vitaminpräparaten erzielt. Nur 19 Hersteller stehen für 50,4 Prozent des Umsatzes. Der gesamte Umsatz im Gesundheitsmarkt lag 2016 schon bei knapp 50 Milliarden Euro.

Stiftung Warentest warnte schon mehrmals vor Vitaminpillen

Vitamin C für das Immunsystem oder Vitamin A für die Augen, Multivitaminsäfte mit den Vitaminen A, C und E sollen vor Krebs schützen, so die Versprechungen auf den Packungen. Wer sie schluckt, will seinen Körper unterstützen, Krankheiten vorbeugen oder Mangelerscheinungen verhindern.

Unter Umständen können die Vitaminzusätze jedoch schaden – so das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Stiftung Warentest. Vitaminmangel ist gefährlich, eine Überdosierung aber auch.

Die Prüfer haben 35 Präparate im Einzelhandel oder online gekauft und untersucht, wie viel Vitamin in den einzelnen Proben steckt. Das Ergebnis: 26 Proben überschritten laut Packungsangaben die empfohlenen Tages-Höchstdosierungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Zehn Proben waren sogar „drastisch hoch dosiert“, so Warentest. Doch Millionen Menschen nehmen sie täglich ein. „Bei mehreren der Vitamine kann eine Überdosis Nebenwirkungen haben oder krank machen“, so die Prüfer. Das gelte insbesondere für die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K. Sie können sich im Körper anreichern.

Auch das Online-Portal medizin-transparent.at warnt deutlich: „Antioxidantien- und Multivitamin-Präparate verringern nicht die Wahrscheinlichkeit, durch Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere Ursachen frühzeitig zu sterben. Die Einnahme von Beta-Carotin und möglicherweise auch Vitamin E kann die Wahrscheinlichkeit für einen frühzeitigen Tod sogar erhöhen.“

Die Einnahme von Multivitaminprodukten scheint keinen Effekt auf das Krebsrisiko zu haben, und ebenso wenig auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, oder auf die Sterblichkeit, berichtete schon vor Jahren der „Spiegel“.

Der NDR warnte zum Beispiel vor Vitamin D: „Gegen eine Überdosierung wehrt sich der Körper mit Erbrechen, Durchfall und Kopfschmerzen. Wer über längere Zeit zu viel Vitamin D zu sich nimmt, muss mit Kalkablagerungen in Gefäßen und Organen sowie Nierenschäden rechnen. Auch das Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs kann sich erhöhen.“

Natürliche Vitaminquellen

Die fettlöslichen Vitamine A, D und Beta-Carotin sind bei einer Überdosierung ein großes Problem.  Sie reichern sich im Körper an und können bei langfristiger Überdosierung sogar zu einem früheren Tod führen. Auch Mineralstoffe wie Eisen werden oft überdosiert und können so der Gesundheit schaden.

Die besten Quellen von BetaCarotin sind Grünkohl, tiefgelbe bis orange Früchte und Gemüse. Beta-Carotin besitzt antioxidative Eigenschaften, doch wer in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zu viel davon einnimmt, gefährdet seine Gesundheit. Eine Überdosierung von Vitamin A kann schnell zu Herz-Kreislauf-Problemen führen, zu viel Calcium zu Verstopfungen.

Vitamin A nehmen Sie besser mit Spinat, roter Paprika, Tomaten, Brokkoli oder Aprikosen zu sich. Auch Magnesium ist als Nahrungsergänzung überflüssig. Magnesium findet sich in Hafer, Kürbiskernen, in grünem Blattgemüse, Nüssen, Hülsenfrüchten, in Trockenfrüchten und Kakao.

Nur wer unter Muskel- und Wadenkrämpfen leidet, sollte Magnesium auch anderweitig zuführen. Aber Vorsicht: Ein starker Anstieg der Magnesiumkonzentration führt zu Beschwerden des Nervensystems und Herzens.

Eine langjährige, hoch dosierte Einnahme von bestimmten Vitamin-B-Präparaten erhöht bei Männern das Risiko für Lungenkrebs. Anders als gelegentlich vermutet, schützen die Vitamin-B-Präparate nicht vor Lungenkrebs, sondern können sogar schädlich sein, schreibt das Team um Theodore Brasky von der Ohio State University.

Vitamin B ist eine Vitamingruppe, in der acht Vitamine zusammengefasst sind, die alle als Vorstufen für Koenzyme dienen. Die Vitamine B3, B6, und B12 finden sich in unseren Lebensmitteln wie Fleisch, Leber, Fisch und Vollkornprodukten, in Nüssen, Gemüse, Kartoffeln und Karotten, Hülsenfrüchten, Eiern oder Milchprodukten.

Eine Überdosierung von Zink kann zu Vergiftungserscheinungen führen, da Zink ein Schwermetall ist. Zuviel davon kann mehr schaden als nützen. Natürlich benötigt unser Körper Zink, doch er ist in ausreichender Menge in gekeimtem Getreide, in Sonnenblumenkernen, Nüssen, Brokkoli, Rosenkohl, Kräutern wie Petersilie, Schnittlauch, Rettich, Kohlrabi, Sellerie, Spargel, Kürbis, Himbeeren, Erdbeeren und Rhabarber enthalten.

Das nach wie vor meistgekaufte und am häufigsten eingenommene Vitamin ist Vitamin C. Auch hier gilt: zu viel schadet eher. Eine zu hohe Vitamin-C-Zufuhr führt zu Magenbeschwerden und Verdauungsproblemen. Die empfohlene tägliche Vitamin C-Zufuhr liegt für Männer bei 110 mg, für Frauen bei 95 mg. Schwangeren werden 105 mg und Stillenden 125 mg pro Tag empfohlen. In diesen Werten sind die stoffwechselbedingten Verluste und Sicherheitszuschläge berücksichtigt, schreibt die Verbraucherzentrale. Hochdosierte Vitamin-C Präparate sollte man also besser meiden.

Vitamin C ist in Nahrungsmitteln reichlich vorhanden, auch in heimischen Lebensmitteln. Die rote Paprika enthält mit 140 mg pro 100 g das meiste Vitamin C, und viele Kohlsorten, Spinat und Meerrettich sind als Gemüse mit hohen Vitamin-C-Werten bekannt. Brokkoli, Sanddorn und Hagebutte überflügeln sogar importierte Klassiker wie Orangen und Zitronen.

Bei allen Vitaminpillen gilt zu beachten: nur eine vernünftige Dosierung schützt vor Schäden, und es sind noch längst nicht alle Risiken erforscht. Vor Multivitaminsäften, die mit künstlichen Vitaminen angereichert sind, warnen Experten sogar.

Wer auf Nahrungsergänzungsmitteln nicht ganz verzichten will, sollte nach Möglichkeit in der Apotheke kaufen. Dort bekommen Sie zumindest eine Beratung. Davon, Präparate im Internet zu bestellen, sollten Sie besser Abstand nehmen – dort sind zum Teil kuriose Angebote unterwegs. Nehmen Sie Vitamine nicht als Prophylaxe oder Schutz vor Krankheiten ein, sondern nur nach Absprache mit Ihrem Arzt und einer entsprechenden Diagnose.