Work-Life-Balance

6. Oktober 2020

Wie finde ich den richtigen Ausgleich?

Der Begriff Work-Life-Balance wird schon seit einigen Jahren heiß diskutiert. Die Menschen streben heute nach Lebensqualität. Schneller, höher, weiter ist spätestens seit Beginn der Corona-Krise nicht mehr angesagt. Das Finden des Gleichgewichts zwischen Beruf, Arbeit und Privatleben steht heute hoch im Kurs, denn alle suchen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen ihrem Privat- und Berufsleben.

Sucht man bei Google unter dem Begriff „Work-Life-Balance“, werden 160 Millionen Ergebnisse präsentiert. Das zeigt, dass sich sehr viele Menschen mit ihrer Arbeit, und wie man diese besser gestalten kann, beschäftigen.

Das Lebensziel heißt nicht mehr Arbeit

Arbeit soll inzwischen nicht mehr der wichtigste Wert sein, über den sich der Einzelne und sogar die gesamte Gesellschaft definiert, sagt die Autorin Tanja Schug, die sich mit der Arbeitswelt der Zukunft beschäftigt. Sie sagt, auch maßloser Konsum verliere für die junge Generation an Bedeutung. Nicht nur die Arbeitswelt stehe also heute auf dem Prüfstand.

Die Arbeit in ein gesundes Gleichgewicht mit allen weiteren Lebensbereichenzu bringen, ist das Ziel von WorkLifeBalance.

Arbeit, Familie, soziale Aktivitäten und Freizeit unter einen Hut zu bekommen, stellt viele Menschen vor große Herausforderungen. Dazu kommen oft noch der Termindruck und die lauernde Konkurrenz. Darin liegt oft die wahre Ursache von Burnout und Depressionen. Was Depressionen oder ein Burnout anrichten können, müssen wir hier nicht weiter erläutern.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Menschen in der westlichen Welt mehr Freizeit haben als je zuvor, andererseits aber darüber klagen, nie genug Zeit zu haben und ständig unter Stress zu stehen. Einen Zustand der Ausgewogenheit zu erreichen, ist daher der Wunsch vieler Menschen in der heutigen hektischen Zeit. Eine gegenseitige negative Beeinflussung zwischen den Lebensbereichen, also Arbeit, Beruf und Familie, will man nach Möglichkeit ausschließen.

Bei Work-Life-Balance liegt aber oft eine Betonung auf der individuellen Entscheidung und der Selbstorganisation einerseits und dem Abgleich zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen andererseits. Und da entstehen schon die ersten Interessenskonflikte mit der Generation Z.

„Wer nach sechs Stunden zum Yoga muss, ist für uns keine Hilfe“ meinte der Hamburger Tech-Gründer Mathias Keswani unlängst in einem Welt-Interview. Viele junge Leute hätten zu hohe Ansprüche an den Arbeitgeber und machten lieber Yoga statt zu arbeiten, meinte er. Nicht wenige Arbeitgeber würden ihm da wohl zustimmen.

Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Nur wird hier einiges vergessen. Für nicht wenige steht der Ausgleich zwischen Beruf, Arbeit und Familie klar im Vordergrund. Einige wünschen sich auch eine längere berufliche Auszeit, zum Beispiel in Form von Altersteilzeit, oder auch Zeit für die Gesundheitspflege, woraus sogar viele Vorteile für Arbeitgeber resultieren würden.

Für die Personalpolitik von Unternehmen und Organisationen kann eine Ausrichtung auf Work-Life-Balance und Diversity einen Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt darstellen. Andreas Monning schreibt im Tagesspiegel: „Work-Life-Balance als Wettbewerbsvorteil. So stellen die Ermöglichung einer Work-Life-Balance und die Positionierung als familienfreundliche Organisation Vorteile in Bezug auf Anwerbung und Motivation der Mitarbeiter dar und dienen zudem der Verringerung der Mitarbeiterfluktuation“.

Die eigene Auffassung von Glück finden

Die Journalistin Elisabeth von Thadden stellte in einem Artikel in „DIE ZEIT“ schon 2001 fest: „In Europa vollzieht sich eine beachtliche Gegenbewegung zur kompletten Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt. Eine Gegenbewegung, die darauf zielt, den Einzelnen nicht nur als Funktionsträger im Betrieb, sondern als Person mit Verantwortung für eine Familie und die eigene seelische Gesundheit zu respektieren. Gesucht Fachkraft mit Familiensinn“.

Wie wir an diesen Aussagen sehen, ist das Thema Work-Life-Balance keine Neurose der Generation Z, sondern ein ernstzunehmendes generationenübergreifendes Bedürfnis. Ein Gleichgewicht zwischen den Lebensbereichen streben sowohl die Baby-Boomer-Generation als auch die Generation X (die Millennials) an, wenngleich es auch klare Unterschiede in der Einstellung zu Work-Life-Balance gibt.

Die Baby-Boomer wollen eine Balance zwischen Beruf und Familie: Arbeit wird eher als Belastung verstanden, sie fordern einen Ausgleich, um eine Lebensbalance zu erreichen. Im Time Magazine vom 5. Juli 2007 ist zu lesen, „für die Generation X seien abwechselnde Phasen von Erwerbstätigkeit und Phasen der Kindererziehung oder außerberuflicher Tätigkeiten wichtiger“. Teils wird hervorgehoben, dass es bei Work-Life-Balance darum gehe, die Bedeutung der Arbeit in eine geeignete Perspektive zum Leben als Ganzes zu rücken, meint der Philosoph Wilhelm Schmid.

Ein Teil der Arbeitnehmer arbeitet länger als vertraglich festgelegt und verlangt nach einer besseren Work-Life-Balance. Eine kleine, aber wachsende Minderheit von Arbeitnehmern ist sich ihres Einflusses als talentierte Individuen bewusst und wechselt zu einem Arbeitgeber in der Erwartung, ihren Wunsch nach einem erfüllten Leben außerhalb der Arbeitszeit realisieren zu können, schrieben die Autoren Caroline Glynn, Ingrid Steinberg und Claire McCartney in „Work-Life-Balance: The Role of the Manager“.

In Zukunft steht also für Arbeitgeber ein Wettbewerb um die besten Fachkräfte an. Früher hieß es ja, „Arbeit ist das Salz des Lebens“, und das ist noch nicht einmal falsch. Über die Arbeit gestaltet man die Gesellschaft mit und über die Arbeit entstehen immer noch die meisten sozialen Kontakte. Gerade jetzt, in Zeiten von Homeoffice, vermissen viele Menschen ihre Kollegen.

Arbeit kann auch glücklich machen

Es geht also nicht um die Arbeit an sich, sondern darum, wie wir arbeiten. Zudem gibt Arbeit dem Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden, und auch der Selbstwert wird oft über die Arbeit definiert. Hier spricht man von der Identifikation mit dem, was man tut, wie gut man es kann und wie erfolgreich es ist. Kurzum, Arbeit kann auch glücklich machen.

Einige glauben sogar, dass sich Work-Life-Balance längst zur Manie entwickelt hat. Psychologische Studien haben längst gezeigt, dass der Mensch seine Arbeit braucht, um sich wohlzufühlen. Wir kennen das von Menschen, die aufgehört haben zu arbeiten. Erstmal gehen sie ausführlich ihren Hobbys nach, doch schon nach einigen Monaten fühlen sie sich leer und suchen nach neuen Aufgaben. Haben sie diese gefunden, werden die Menschen wieder deutlich zufriedener.

Tatsache bleibt, man sollte Arbeit, Freizeit und Familie in einen Kontext bringen und keine Lebensbereiche ausklammern. Selbstmanagement und Zeitmanagement führen dabei nicht unbedingt zum Ziel einer guten Work-Life-Balance. Wenn du mehr Zeit für dein Hobby aufwendest, wird diese Zeit deiner Familie fehlen und damit wäre dein Zeitmanagement fehlgeplant. Nur an der Oberfläche kratzen bringt also wenig, besser wäre ein Balance-Akt, der alle Lebensbereiche einschließt.

Klar sollte man bei seiner Zeiteinteilung Prioritäten setzen, aber ob das Listenführen, Kalenderanlegen und ein durchgeplanter Tagesablauf zu einer besseren Work-Life-Balance führen, kann man schon anzweifeln. Die Arbeit ist und bleibt ein großer Teil unseres Lebens und lässt sich heute einfach schlechter trennen als noch zu Zeiten der Großeltern.

Was bedeutet Work-Life-Blending?

In Zeiten vonHomeoffice kommt nun auch noch ein neuer Begriff hinzu – das Work-Life-Blending.

Dabei geht es um das Verschmelzen von Arbeits- und Privatleben. Soll heißen: Es geht um die Aufhebung klarer Grenzen zwischen diesen beiden Bereichen. Das Unternehmer-Portal beschreibt Work-Life-Blending wie folgt: „Die Folge der Verknüpfung ist beispielsweise die ständige Erreichbarkeit, auch während der eigentlich freien Zeit. Teile der Arbeit werden im Homeoffice erledigt, während im Gegenzug in der Arbeitszeit auch private Angelegenheiten geklärt werden dürfen“.Es soll also um die Integration des Privatlebens in den Joballtag gehen. Hört sich zunächst prima an. Das Ganze hat jedoch leider den Nachteil, dass man dabei die ganze Zeit mental im Büro bleibt und auf diesem Wege nie richtig abschaltet.

Die Nachteile des Work-Life-Blending-Konzepts liegen auf der Hand

Die Vermischung ist selten ausgewogen und geht oft auf Kosten der Zeit, die für die Familie und Freizeit gedacht ist. Die Folge ist: Die Arbeitszeiten werden länger, und durch die damit verbundene Dauererreichbarkeit fällt dein Privatleben dem Job zum Opfer.

Blake Snow, der Autor des Buches „Log Off: How to Stay Connected after Disconnecting“, hat Work-Life-Blending scharf kritisiert. Seiner Ansicht nach handelt es sich dabei um einen Wunschtraum – nichts weiter als ein neuer Begriff, der von Workaholics geprägt wurde, um die Art und Weise zu rechtfertigen, wie sie meinen, leben zu müssen.

Na, da bleiben wir doch vorsichtshalber bei Work-Life-Balance. Dass das Vermischen von Arbeit und Privatleben nicht die beste Lösung ist, haben ja nun viele durch das Homeoffice der letzten Monate am eigenen Leib erfahren. Das Homeoffice darf nicht zum Dauerzustand werden.

In einem weiteren Beitrag werden wir uns mit dem Konzept von New Work beschäftigen. New Work steht für ein neues Verständnis von Arbeit in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung. Also der Weg in die Arbeitswelt 4.0. Hört sich gut an.

In diesem Sinne, achte darauf, dass du es mit der Arbeit nicht übertreibst.