Sich Zeit nehmen

2. Juli 2021

Schluss mit Hektik und Unruhe

Schluss mit Hektik und Unruhe

Wir sollten uns von dem alltäglichen Stress nicht unterkriegen lassen, schließlich haben wir harte Monate hinter uns. Gestresste Mütter, Väter und Kinder haben durch Homeoffice und Homeschooling stark gelitten. Es wird Zeit, dass wir uns entspannen und zu einer hektik- und stressfreien Zeit finden. Dauerhafter Stress kann die Gesundheit sehr stark schädigen. Aber wie kommen wir raus aus der Mühle, wie entziehen wir uns dem Anspruch, jederzeit alles immer unter einen Hut bringen zu müssen?

So wie es aussieht, leben wir im Zeitalter der Zeitknappheit, die dazu führt, dass wir immer hektischer werden. Oft wird vom richtigen Zeitmanagement gesprochen, das die Lösung aller Probleme sein soll. Entschleunigung ist auch so ein neues Schlagwort, das seit einiger Zeit die Runde macht und uns helfen soll, unseren Alltag besser zu bewältigen. 

Dazu gibt es haufenweise Tipps im Internet, wie Digital Detox – digital entgiften, ausreichender Schlaf, Atem-Meditation, Geh-Meditation, Mantra singen, eine ausgewogene Ernährung, eine Auszeit nehmen oder einfach mal nichts tun, Sport machen, achtsam sein und im Moment leben.

Zum Umgang mit Zeitdruck wird uns da empfohlen, die Ruhe zu bewahren, Prioritäten zu setzen, Konflikte zu managen, Entscheidungen zu treffen. Nein sagen soll für mehr Entlastung und Zeitautonomie sorgen, mit einer To-do-Liste lässt es sich zielorientiert arbeiten, dem Perfektionismus soll man ade sagen. 

Die Sache mit der Zeit

Hört sich alles prima an, nur wie soll man das im Alltag umsetzen? Und wer hat schon Zeit für all das?  Alle wollen mehr Zeit für sich, für die Familie oder die Freunde. Dabei spiegelt unser Sprachgebrauch unser wirkliches Verhältnis zu Zeit wider.

Wir managen sie, genießen sie, sparen sie, wir investieren und beschleunigen sie, wir verbringen sie mal sinnvoll oder nutzlos, wir verlieren sie oder schlagen ihr ein Schnippchen und zum guten Schluss schlagen wir sie tot. Euch werden bestimmt noch weitere Redewendungen einfallen, die wir täglich verwenden.

Thorsten Giersch, Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt und Geschäftsführer digital bei planet c hat einmal sehr schön beschrieben, wie die Unruhe in unser Leben kam: „Schon beim ersten Mord der Geschichte ging es darum, wie ein Mensch seine Zeit verbringt: Der vom mühseligen Ackerbau geplagte Kain erschlägt seinen Bruder Abel, den müßiggängerischen Hirten. Der zornige Gott schickt Kain in die Diaspora: „Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein“, heißt es in der Bibel bei Genesis 4, 12. So kam die Unruhe in das Leben der Menschen“.  Tja, und diese Unruhe steckt seitdem in uns, und wie es scheint sind wir sie auch nicht mehr losgeworden. Deshalb rennen wir immer der Zeit hinterher.

Vielleicht hilft ein wenig Müßiggang. Müßiggang ist gesund und eine Gabe – die man erlernen kann. Jene Menschen, die als faul gelten und dafür abgestempelt werden, haben de facto oft gar keine Muße. Doch wahre Faulheit ist gesund. Gelobt sei die Faulheit. Das Talent, nichts tun zu können. Seit einer halben Ewigkeit hat die Faulenzerei einen miserablen Ruf – höchste Zeit, ihn aufzupolieren.

Was verstehen wir überhaupt unter Zeit?

Schauen wir mal bei Wikipedia nach: „Die wohl markanteste Eigenschaft der Zeit ist der Umstand, dass es stets eine in gewissem Sinne aktuelle und ausgezeichnete Stelle zu geben scheint, die wir die Gegenwart nennen und die sich unaufhaltsam von der Vergangenheit in Richtung Zukunft zu bewegen scheint. Dieses Phänomen wird auch als das Fließen der Zeit bezeichnet. (…) In der Antike haben sich u. a. die Philosophen Heraklit, Platon, Aristoteles und Augustinus mit dem Begriff der Zeit befasst, in der Neuzeit vor allem Newton, Leibniz, Kant, Heidegger und Bergson.“

Tatsache ist, wir haben nie genugZeit für das, was wir uns vornehmen – oder alles noch erledigen müssen. Damit muss mal Schluss sein. Die Zeit ist ein schnell dahinschmelzender Rohstoff geworden, Tag für Tag fehlen uns immer eine oder mehr Stunden. Das löst bei uns Stress und innere Unruhe aus

Zeitknappheit ist schon lange keine Berufskrankheit mehr, von der nur Unternehmer, Geschäftsführer oder leitende Angestellte betroffen sind. Gut die Hälfte aller Beschäftigten gab zuletzt in einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes an, darunter zu leiden. Laut einer repräsentativen Umfrage empfinden 80 Prozent der Deutschen ihr Leben als stressig. Viele klagen über permanenten Druck und darüber, zu wenig Zeit zu haben.

Und wie reagieren wir darauf? Wir erhöhen das Tempo, wir rasen durchs Leben, unsere Fortbewegung wird zum gehetzten Dauerlauf, nur um die eine oder andere Minute oder Stunde zu gewinnen.Wir wollen also die Hektik durch Hektik besiegen. Das kann niemals funktionieren.

Haben wir einfach zu viel zu tun?

Karlheinz A. Geißler, Professor für Wirtschaftspädagogik, forscht seit Jahren zum Thema Zeit. Er sagte der Cosmopolitan: „Wir haben keineswegs weniger Zeit als frühere Generationen. In Sachen Lebenszeit haben wir sogar mehr zu erwarten als jede Generation vor uns. Fühlen wir uns dennoch ständig gehetzt, haben wir schlicht und einfach zu viel zu tun.“

Aus dieser Mühle kommen wir nur raus, wenn wir kürzertreten, d.h. Termine reduzieren oder, wenn es möglich ist, einfach ganz streichen. Immer Zeit für Pausen nehmen, egal wie viel gerade zu tun ist. Im Büro die Türe schließen und damit signalisieren, dass man 30 Minuten ungestört arbeiten möchte, um das Nötigste wegzuschaffen.

Ihr solltet euren Arbeitstag strukturieren und am Ende des Tages die Aufgaben, die ihr erledigt habt, notieren. Überlegt euch, was könnt ihr heute erledigen, was morgen, was hat noch eine Woche Zeit und was könnt ihr delegieren. Wer ständig alles auf einmal erledigt und gleichzeitig E-Mails versendet, telefonieret, an Präsentationen arbeitet und im Internet recherchiert und wer auch noch außerhalb des Büros immer erreichbar ist, weil derLaptop und das Handy ja immer dabei sind, wird über kurz oder lang auf der Strecke bleiben.

Die Ruhe wiederfinden

Gegen jede Form vonStress und Unruhe hilft körperliche Betätigung, um entspannter durch das Leben zu gehen. Wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch verbracht hat, sehnt sich der Körper nach Bewegung. Sport ist dazu der ideale Ausgleich. Durch Bewegung wird das Stresshormon Cortisol abgebaut und es werden vermehrt Glückshormone wie Endorphin und Serotonin produziert.

Erst wenn der Stresshormonhaushalt ausgeglichen ist, können Geist und Körper tatsächlich zu Ruhe kommen. Dabei ist es vollkommen egal, welchen Sport ihr treibt: Laufen, Radfahren, Joggen oder einfach nur ein Spaziergang durch die Natur – jede Bewegung ist gut für eure körperliche und mentale Gesundheit. Und wohl denen, die einen Garten haben. Gartenarbeit beruhigt nicht nur die Nerven, man kann sich gerade jetzt auch an der Blütenvielfalt erfreuen.

Nach Phasen großer Konzentration brauchen Körper und Geist eine Ruhephase, und dazu eignet sich ganz besonders Yoga. Yoga ist ein hilfreiches Mittel gegen Stress und wirkt auf allen Ebenen auf den Organismus. Laut einer Studie der Boston University School of Medicine schüttet der Körper beim Yoga den beruhigenden Botenstoff GABA aus. Dabei wird das Yin (im Yoga das passive, weibliche Prinzip) im Körper gestärkt, und so entsteht Entspannung und Ruhe.

Ein besonders effektives Mittel, um Ruhe zu finden und dem Stress entgegenzuwirken, ist Wellness. Ein kleiner Wellnessurlaub als Ausgleich zur Hektik des Alltags wirkt Wunder. Egal ob nur ein Wellnesstag, ein Wellnesswochenende oder sogar ein Wellnessurlaub, Wellness hilft dem Körper sich zu regenerieren.

Nicht nur unser Körper muss zur Ruhe kommen, auch unser Gehirn braucht Ruhe. Die Neurowissenschaftlerin Imke Kirste vom Duke University Medical Center konnte in einer Studie im Jahr 2015 zeigen, dass das Gehirn bei völliger Stille neue Zellen im Hippocampus bildet – einer Region, die für das Gedächtnis und das Lernen wichtig ist.

Unser Rat: Lasst euch einfach mehr Zeit und gönnt euch mehr Ruhe!

Unsere Buchempfehlung dazu: „Enthetzt Euch! Weniger Tempo – mehr Zeit“ von Karlheinz A. Geißler (Hirzel Verlag, ca. 20 Euro)