Zeitumstellung

25. Oktober 2019

Müde, unmotiviert und schlaflos?

Es ist wieder so weit, die Uhren werden eine Stunde zurückgedreht: Die Winterzeit löst die Sommerzeit ab. Bevor wir auf das Befinden des Einzelnen und die Auswirkung auf unsere Gesundheit eingehen, schauen wir uns zunächst die Diskussion darüber an. Nicht wenige sind im Glauben, dass die Zeitumstellung erst seit einigen Jahrzehnten besteht.

Dem ist nicht ganz so, denn in Deutschland wurde die Sommerzeit erstmals im Kriegsjahr 1916 eingeführt. Man versuchte mit allen Mitteln Energie zu sparen. Im zweiten Weltkrieg entschied man sich dann erneut für die Sommerzeit, die 1950 wieder abgeschafft wurde. Erst 1980 kam es zu einer Neuauflage der Zeitumstellung.

Das Hantieren mit der Zeit

Auch wenn Kaiser Wilhelm II. am 30. April 1916 der Erste war, der die Sommerzeit in Deutschland, Österreich und Ungarn einführte, hatte die Idee dazu schon 1784 der US-Politiker und Erfinder Benjamin Franklin, der der Meinung war, dass man Energie sparen könne, würde man im Sommer früher aufstehen. Im 19. Jahrhundert wurde die Idee wieder aufgegriffen. Unabhängig voneinander schlugen der in Neuseeland geborene George Vernon Hudson 1895 und der Engländer William Willett 1907 eine saisonale Zeitverschiebung vor.

Erst die Ölpreiskrise 1973 brachte die Idee der Sommerzeit nach den Kriegen wieder auf den Tisch. Frankreich war 1976 der Vorreiter in Europa und Deutschland schloss sich dem 1980 an. Aber erst 1996 wurde für die Europäische Union eine einheitliche Regelung gefunden, die bis heute gilt. Nun ist es so, dass die Sommerzeit bei den meisten Menschen weitaus beliebter ist als die Winterzeit, da sich der Sonnenuntergang etwa von 21:00 Uhr Normalzeit auf 22:00 Uhr Sommerzeit verschiebt.

So korrespondiert die Wachphase der meisten Menschen mehr mit der hellen Phase des Tages, was viele als angenehm empfinden. Freizeitaktivitäten, Treffen mit Freunden bei angenehmeren Außentemperaturen können länger bei Tageslicht genossen werden.

Und trotzdem gibt es Streit wegen der Zeitumstellung

Wie fast bei allem gibt es auch in dieser Frage ein Für und Wider. Und so hat nun das EU-Parlament dafür plädiert, die Zeitumstellung im Jahr 2021 abzuschaffen. Die Mitgliedstaaten der EU überlegen jetzt, welche Zeit sie dauerhaft behalten wollen. Das Europaparlament hat entschieden, dass jeder Mitgliedsstaat selbst entscheiden kann, ob er in zwei Jahren eine dauerhafte Winter- oder Sommerzeit einführen will.

In einer Online-Befragung hatten sich von den 500 Millionen EU Bürgen 4,6 Millionen für eine Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Allerdings muss man sagen, dass die Zeitumstellung offenbar vor allem in Deutschland ein sehr großes Problem darstellt. Von den 4,6 Millionen Stimmen der Abstimmung kamen sage und schreibe 3 Millionen aus Deutschland. Und da fragt man sich schon: Wie kann das sein? Nur 1,6 Millionen Stimmen kamen aus dem großen „Rest Europas“.

Dabei wünscht sich eine knappe Mehrheit der Deutschen eine dauerhafte Einführung der Sommerzeit. Auch die Franzosen sind einer Umfrage zufolge für die Einführung der Sommerzeit. In einer von der Nationalversammlung organisierten Bürgerbefragung gaben 59 Prozent an, die Sommerzeit beibehalten zu wollen. Hier droht also auch noch Ärger. Auch in Österreich, Belgien, Schweden, Kroatien und Malta wünscht sich die Mehrheit der Bevölkerung die dauerhafte Sommerzeit.

In Deutschland gibt es noch einen klaren Unterschied zwischen jungen und älteren Menschen. Laut Erhebung wünschten sich vor allem Ältere, dass künftig immer Winterzeit gilt. Von den Befragten über 65 bevorzugten laut „Focus“ 57 Prozent die Winter- und nur 38 Prozent die Sommerzeit. Bei den Jüngeren zwischen 14 und 29 Jahren wollten dagegen 66 Prozent immer die Sommer- und lediglich 27 Prozent immer die Winterzeit. Für die Erhebung hatte das Meinungsforschungsunternehmen Kantar Emnid 1009 Wahlberechtigte befragt.

Gibt es gesundheitliche Probleme durch die Zeitumstellung?

Für viele Menschen ist die Zeitumstellung eine leidige Sache. Rund jeder Vierte (27 Prozent) kämpft laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK nach der Umstellung mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen. Laut einer DAK-Statistik steigt die Zahl der akuten Herzinfarkte in den ersten Tagen nach der Umstellung auf die Sommerzeit deutlich an. Laut einer weiteren Umfrage haben drei Viertel der Deutschen jedoch keine Probleme, sich der Zeitverschiebung anzupassen.

55 Prozent von über 1.000 Befragten gaben an, die Umstellung habe keine Auswirkung auf ihren Schlafrhythmus. Nur jeder Vierte benötigt ein bis zwei Tage, um wieder voll auf der Höhe zu sein. 17 Prozent bereitet der Wechsel gesundheitliche Probleme meldete der Focus. Nur, 17 Prozent sind nicht gerade wenig, also muss man deren Anliegen, wie wir meinen, ernst nehmen.

Nachvollziehbar ist, dass Kleinkinder nach den Umstellungen tagelang zur falschen Zeit aufwachen, was eine familiäre Belastung für die ganze Familie bedeutet. Kinder reagieren vor allem mit Einschlaf- oder Durchschlafproblemen und sind tagsüber öfters müde.

Aus der Landwirtschaft ist bekannt, dass Milchkühe ein bis zwei Wochen benötigen, um sich auf die neuen Melkzeiten umzustellen. Im Klartext heißt das, dass Kleinkinder und Tiere unter Stress leiden. Wie gefährlich Stress für den Menschen ist, haben wir hier in unserem Blog schon reichlich besprochen.

Das Für und Wider der Argumente

Für ein Viertel der Menschheit seien Zeitumstellungen eine gesundheitliche Belastung, behauptet gar die Fraktion der FDP im Bundestag, was reichlich übertrieben klingt. Befürworter der Sommerzeit argumentieren damit, dass es für uns vorteilhaft sei, abends länger bei Tageslicht die Freizeit gestalten zu können, wodurch unsere Produktivität erhöht werde. Auch ein beliebtes Argument ist, dass sich die Lebensgewohnheiten geändert haben, heute würde abends mehr gelebt und wenn immer Sommerzeit wäre, hätte man mehr Lebensqualität.

Die Gegner sind, wer hätte was anderes erwartet, genau der gegenteiligen Meinung. Ihre Argumente lauten: die Anpassung an den neuen Tagesrhythmus dauere mindestens mehrere Tage, sei gesundheitsschädlich und verringere während der Umstellungsphase die Produktivität.

Nicht abzustreiten ist, dass die Zeitumstellung bei einigen Menschen die „innere Uhr“ durcheinander bringe mit Folgen wie Abgeschlagenheit, Schlafstörungen, Müdigkeit und Verstimmungen. Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg haben herausgefunden, dass vor allem in der Woche nach der Zeitumstellung die Menschen insgesamt erst einmal deutlich unzufriedener sind. Schlecht Laune gehört in dieser Woche also dazu.

Erst in der zweiten Woche nach der Zeitumstellung wird das Ausgangsniveau wieder erreicht, so die Forscher. Es gibt aber noch einen klaren Unterschied. Menschen mit starken zeitlichen Beschränkungen wie zum Beispiel berufstätige Eltern mit Kindern leiden deutlich mehr. Ihre Lebenszufriedenheit kommt erst in der zweiten Woche nach der Umstellung auf das Ausgangsniveau. Erwachsene ohne Kinder sind da besser dran, bei ihnen erfolgt die Anpassung schon nach wenigen Tagen. Die Zeitumstellung bleibt aber für viele ein Störfaktor im Alltag.

Die Physiologie spielt auch eine Rolle?

Gesicherte Studien gibt es hierzu nicht, da sie eine längere und deutlich aufwändigere Beobachtung erfordern würden. Andere behaupten, es lägen physiologische Studien vor, nach denen einige zirkadian schwankende Hormonspiegel, ähnlich dem des Stresshormons Kortisol, bis zu viereinhalb Monate brauchten, um sich der Zeitumstellung vollständig unter den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Das ist vielleicht überzogen. Die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol folgt dem Tages- Rhythmus. Sie ist beim Aufwachen morgens am höchsten und nimmt kontinuierlich bis Mitternacht ab. Das Ausschütten von Cortisol bleibt auch während der Sommermonate an den Sonnenverlauf und den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs angepasst. Dieser Verlauf passt sich also nicht der Sommerzeit an, der Hormonspiegel ist entsprechend um eine Stunde gegen die Normalzeit verschoben, schreibt das Science Media Center.

Ein weiterer psychologischer Effekt ist unbestritten, dass Licht, vor allem Tageslicht, eine große Wirkung auf die Psyche hat, daher spricht man auch von den Winterdepressionen. Dennoch bleibt alles Spekulation, da es bisher im Zusammenhang mit der Zeitumstellung noch keine Studien dazu gibt. Vermutet wird aber, dass es während der Sommerzeit weniger saisonal bedingte Depressionen gibt. Auch konnte bis zum heutigen Tag kein Zusammenhang zwischen Zeitumstellung und psychischen Erkrankungen nachgewiesen werden. Auch ob Hormonspiegelschwankungen bei der Zeitumstellung krankheitsfördernd wirken, ist bisher nicht belegt.

Die Studienlage ist widersprüchlich und dünn

Dennoch wollen Psychologen und Mediziner festgestellt haben, dass die Zeitumstellung negative Auswirkungen hat, da sich die Anpassung des chronobiologischen Rhythmus des Organismus als problematisch herausgestellt hätte. Nach einer Studie von Imre Janszky und Rickard Ljung kann die Umstellung auf die Sommerzeit das Herzinfarktrisiko erhöhen.

Menschen mit Schlafstörungen oder organischen Erkrankungen dürften eher betroffen sein als Menschen ohne Vorbelastung. Allerdings gibt es bisher keine eindeutigen Hinweise, ob die Zeitumstellung das Herzinfarktrisiko verändert. Die Studienlage scheint lediglich darauf hinzudeuten, dass sich das Auftreten im Frühjahr nach der Umstellung verschiebt, nicht jedoch die Zahl der Herzinfarkte insgesamt, betont noch einmal das Science Media Center.

Nach Angaben von Biologen macht dem Körper insbesondere die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit zu schaffen. Sie wirkt ähnlich wie bei einem Flug nach Osten – beides ist weitaus schwerer als die Umstellung auf die Winterzeit oder ein Flug nach Westen. Es sei sehr viel einfacher, die innere Uhr zu verzögern, als sie zu beschleunigen, schreiben übereinstimmend die ZDF Nachrichten und der Merkur. Der Schlafexperte  Christian Cajochen, Professor für Chronobiologie an der psychiatrischen Universitätsklinik Basel widerspricht dem deutlich. Er glaubt, dass diese Probleme zum größten Teil auf Einbildung beruhen. „Auf einer Reise nach London oder in eine andere benachbarte Zeitzone hat man in der Regel auch keine Probleme, sich an eine Zeitverschiebung um eine Stunde anzupassen“, sagt der Schlafexperte.

Festhalten können wir, die Zeitumstellung hat ohne Zweifel einen kurzfristigen Einfluss auf unser Wohlbefinden und die Müdigkeit und Antriebslosigkeit, die wir im Herbst und Winter verspüren, hat wenig mit der Zeitumstellung zu tun, sondern viel mehr mit dem nachlassendem Sonnenlicht und der dunklen Jahreszeit. Die vorübergehenden Folgen der Zeitumstellung wurden bisher deutlich häufiger untersucht als die langfristigen, dabei ist die Studienlage sehr widersprüchlich und dünn, wie nicht nur wir feststellen konnten.

Jetzt wollen sie sicherlich noch wissen, für welche Zeit wir plädieren: Na ja, die einen sagen so, die anderen so.

PS: Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und will auch keine medizinischen Ratschläge erteilen. Sollten sie sich unwohl fühlen, suchen sie bitte ihren Arzt auf!